Der Feurige Tatzelwurm im bunten Kleid

Herbstliche Wanderung hoch über Oberaudorf

Was wir ja alle im letzten Jahr unfreiwillig lernen mussten, war das: zuhause Bleiben.
Zum Glück ist’s bei uns zuhause sowas von schön, dass wir dadurch mittlerweile gar keinen Grund mehr sehen, uns von hier überhaupt wegzubewegen.
Es gibt so viel zu erwandern, „erradeln“, „erklettern“ und bald auch wieder „er-skitouren“, da reicht ein Radius von ein paar Kilometern rund um die eigene Wohnung komplett aus, um genügend Bergabenteuer erleben zu können.
Und dennoch hat man das Gefühl, überall viel zu selten zu sein.
Ganz besonders an den Tatzelwurm-Wasserfällen ist man viel zu selten, denn da ist’s einfach immer schön und noch dazu jeden Tag komplett anders.

Von Tanzwürmern und wilden Sagen

Doch was hat’s eigentlich auf sich mit diesem Tatzelwurm?
„Hä? Was fürn Wurm?“ fragt natürlich Louise direkt. „Ein Tanz-Wurm?“.

Der Tatzelwurm, der tanzt zwar nicht, aber um den ranken sich allerhand mystische Sagen.
Ein wildes Tier war er auf jeden Fall, ein Halbdrache mit wilden Klauen und dem Kopf einer Raubkatze (Tatzen) und einem reptilienartigen langen Körper (Wurm).
Bis zu zwei Meter soll er laut Augenzeugen lang gewesen sein, scharfe, spitze Zähne hatte er und noch dazu Fledermausflügel.
Gewohnt hat er angeblich oben in der Gumpeischlucht, an den heutigen Wasserfällen. Dort rauscht das Wasser tosend durch den Fels und stürzt sich über zwei Felssprünge hinab in Richtung Tal.
Arme Pilger, die den Auerbach entlang hinaufgepilgert sind, soll er verschlungen haben, während Rauch aus seinen Nüstern drang.

Wildes Wasser und bunte Wälder

Wir sind heute mit dem Fahrrad unterwegs. Unser Ziel: die Tatzelwurm-Wasserfälle. Von dort aus wollen wir hinüber wandern zum Berggasthof Hummelei.
Nachdem wir von Oberaudorf aus die steile Straße bis zum Tatzelwurm hochgestrampelt sind und unsere Radl geparkt haben, führt uns ein schmaler, wunderschöner Steig durch den bunten Herbstwald in wenigen Gehminuten hinab zu den Wasserfällen. Louise ist topfit und rennt voraus, denn die durfte ja bei mir am Radl sitzen, während ich nach der Bergfahrt erstmal eine kurze Verschnaufpause brauche.
Auf einer Holzbrücke stehen wir über den Wasser und können zuschauen, wie sich der Auerbach hier in die Tiefe stürzt. Wild sieht das Wasser hier aus. Laut und kalt und unberechenbar. Kaum zu glauben, dass dasselbe Wasser kurz danach bei uns zuhause als gemütlicher, kleiner Gebirgsbach vorbeifließt und im Sommer zum Baden und Staudamm Bauen einlädt.

Wir standen heute wirklich lang auf der Brücke, haben wirklich lang geschaut, aber wir haben keinen Tatzelwurm gesehen. Zum Glück.

Vom Tatzelwurm zur Hummelei

Und wir haben heute noch einiges vor! Wir radeln ein Stückerl weiter über einen Forstweg zurück in Richtung Oberaudorf. Oberhalb der Fahrstraße, die von Oberaudorf zum Tatzelwurm führt, schlängelt sich hier ein Weg entlang, den wir heute bis zu unserem Zielpunkt, dem Berggasthof Hummelei, wandern wollen.
Nach einiger Zeit verlassen wir den bunten Wald und treten hinaus auf eine Anhöhe, wo uns eine wunderschöne Aussicht auf den Wilden Kaiser vor uns und den Brünnstein zu unserer Rechten erwartet. Ein paar Kühe grasen gemütlich auf der Weide und wir machen es uns windgeschützt vor einem Holzstoß gemütlich und machen erstmal Brotzeit.

Unsere Radl lassen wir nämlich nun stehen und wandern zu Fuß weiter hinab zur Hummelei.
Über weite Wiesen geht es vorbei an schönen Bauernhöfen und alten Obstbäumen. Hühner picken in der Wiese, Schafe grasen nebenan und immer wieder spitzt der Wilde Kaiser durch die Bäume und belohnt uns mit beeindruckender Aussicht.

Wir passieren die Weiler Schweinsteig und Antritt und gelangen bald nach Ried, wo ein besonderes Highlight auf Louise wartet: die Alpakas.
Ganz oben auf der steil abfallenden Weide entdecken wir die lustigen, kuscheligen Tiere, zu denen wir natürlich noch einen kurzen Abstecher machen. Zum Glück stehen sie alle direkt oben am Zaun und scheinen schon auf uns zu warten. Neugierig mustern sie uns und Louise begrüßt sie lautstark: „Hey, Lamas, Servus! Ich hab Euch auf meiner Laterne!“

Sankt Martin naht, wir singen seit Wochen nichts anderes als Laternenlieder und dieses Jahr zieren flauschige Lamas Louises Kindergarten-Laterne.
Wie praktisch, dass wir die jetzt „ganz ganz in echt mit ohne Laterne“ hier oben am Berg treffen.
Nach einer zweiten Pause bei den Laternen-Tieren geht das letzte Stück der Wanderung steil bergab bis zum Berggasthof Hummelei, wo uns der beste Kaiserschmarrn von ganz Oberaudorf erwartet. Traumblick auf den Kaiser, Oberaudorf und das Inntal inklusive.

„Jetz hamma garkeinen Tanzwurm gesehen“ stellt Louise fest. „aber dafür Laternenlamas und Kühe. Mag ich eh lieber“
Na, da haben wir Glück gehabt. Und wenn wir wiederkommen, gibt’s bestimmt schon Schneelamas und die Wasserfälle ziert eine dicke Eisschicht. Denn wir kommen ja bald wieder, das haben wir uns ja eigentlich versprochen…

Wanderung vom Tatzelwurm zur Hummelei: gemütliche Wanderung, meist über Forstwege und Straßen, dank der Steilheit am Schluss (bergab!) aber nur bedingt kinderwagengeeignet.
6,7 km, 200hm rauf, 350hm runter. Zurück am besten per Bus (im Sommer), Fahrräder unten platzieren, oder auch die ganze Strecke per Rad bewältigen.

 

Das könnte dir auch gefallen